Die derzeit allenthalben verbreitete Aufforderung, die Krise nicht so sehr als Bedrohung denn vielmehr als Chance zu wahrnehmen, treibt zuweilen recht skurrile Blüten. So konnte man beispielsweise im Neujahrsgruß der Ökumenischen Initiative Kirche von unten (IKvu) an die Mitgliedsgruppen lesen: "Einen interessanten theologischen Aspekt hat die Finanzkrise schon jetzt: Die römisch-katholische Kirche besinnt sich zunehmend auf ihre eigene Soziallehre, während der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland die Ursache der Krise weiterhin in den 'Exzessen einzelner' ausmacht, wobei ihm 'das Blut in den Adern gefriert, wenn Menschen sich gegen den Markt wenden'". In dieses Horn stieß auch Wolf-Gero Reichert, Mitarbeiter am Oswald von Nell-Breuning-Institut in St. Georgen, in einem Vortrag anlässlich einer IKvu-Veranstaltung zum Thema "Cash statt Crash" am 30. 10. 2008 in der Ev. Matthäuskirche in Frankfurt/M. Gibt es also Anlass zur Hoffnung, dieser Rückgriff auf eigene Traditionen zeige an, dass ein frischer Wind in der amtlich verfassten Kirche weht?
Daran sind erhebliche Zweifel angebracht. Denn zum ersten ist es überhaupt nicht neu, dass die römisch-katholische Kirche ihre Soziallehre (kS) als Antwort auf die drängenden Nöte ihrer Zeit anpreist. Zweitens hat dies noch nie dazu geführt, dass sie sich in irgendeiner Weise kritisch gegen die kapitalistische Produktionsweise gestellt hätte. Im Gegenteil: Die bislang letzte Sozialenzyklika Centesimus annus von 1991, preist "die grundlegende und positive Rolle des Unternehmens, des Marktes, des Privateigentums" (Nr. 42) nicht weniger als die jüngste Denkschrift der Ev. Kirche in Deutschland (EKD) zum Kapitalismus. Was die kS tut, ist allenfalls moralisieren. Politisch weisen die Amtsträger nach wie vor mehrheitlich eine große Nähe zum Unternehmertum auf, blasen mit ihnen die Fanfaren des Neoliberalismus und halten eine materialistische Analyse der gesellschaftlichen Verhältnisse für "Aberglaube", so etwa die Enzyklika Deus caritas est von 2005 (Nr. 28 b). Mit ihrer kS gaukelt die Kirche politische Neutralität vor, erreicht damit aber, dass sie faktisch eben nicht an der Seite der ausgebeuteten Klassen steht. Die sogenannte "Option für die Armen" ist in der kS vor allem Blendwerk, mit dem ihre Verfasser sich und die LeserInnen über ihren tatsächlichen gesellschaftlichen Standort täuschen.
Dies belegt auch den Vortrag von Reichert, der die Sozialenzyklika Quadragesimo anno von 1941 anpreist, als sei sie taufrisch. In der für die kS typischen Art redet Reichert über Eigentum im Allgemeinen, ohne zwischen verschiedenen Formen oder zwischen Produktionsmittel und Konsumtionsmittel zu unterscheiden, und versucht aus dieser pauschalisierenden Rede ethische Orientierung in der Krise zu gewinnen. Zwar kritisiert er zu Recht, die politisch Mächtigen hätten gegenwärtig lediglich folgenlose Appelle gegen die Habgier der Banker zu bieten, aber etwas anderes kommt bei ihm auch nicht heraus: ein Plädoyer für "Ethisches Investment", als gehe es dabei nicht ebenfalls darum, aus Geld mehr Geld zu machen. Darin zeigt sich, welche Zielgruppen er vor Augen hat: diejenigen, die etwas zu investieren haben. Die meisten Lohnabhängigen, schon erst recht Hartz-IV-EmpfängerInnen, gar die große Mehrheit der Menschen: die Armen dieser Welt bleiben außerhalb seines Blickfeldes. Hat etwa Jesus dem reichen Mann, der ihn fragte, was er tun müsse, um das Himmelreich zu erben (Mk 10,17-31 par), geantwortet: "Geh und lege deinen Reichtum ethisch an"?
Solche Orientierungsversuche zeigen, dass es auch der röm.-kath. Kirche an dem fehlt, wor-an es gemäß dem IKvu-Neujahrsgruß der EKD mangelt: "am theoretischen Rüstzeug ..., um echte Antworten auf die Fragen der Zeit zu geben." Mit der beharrlichen Betonung der "Eigengesetzlichkeit wirtschaftlichen Handelns" offenbart die Kirche in ihrer kS, dass sie dem Kern des christlichen Glaubens: dem Gedächtnis des Leidens, Sterbens und der Auferstehung Jesu Christi nicht mehr zutraut, dem gesellschaftlichen Leben eine Perspektive zu geben. Von Morgenluft in der Totengruft keine Spur!
Michael Korbmacher, Münster