Interview: Peter Wolter
* Dr. theol. Michael Ramminger ist Mitglied der "ChristInnen für den Sozialismus" und arbeitet in Münster beim Institut für Theologie und Politik
F: Der katholische "Weltjugendtag" in Köln ist vorüber. Was war das: ein Pop-Event, ein religiöses Grossereignis, eine Propagandashow?
Zunächst einmal war es eine Medieninszenierung. Zweitens war es alles andere als eine Machtdemonstration der Kirche es war eher der Versuch, das Interesse Jugendlicher an einem Event für kirchliche Interessen in Dienst zu nehmen. Das ist meines Erachtens aber misslungen.
F: Hat die katholische Kirche durch dieses Riesenspektakel ihren Einfluss auf die deutsche Öffentlichkeit stärken können?
Eher nicht. Ich glaube sogar, dass die Kirchen gar kein allzu großes Interesse mehr daran haben, ihren Einfluss über ihre eigenen Institutionen hinaus zu erweitern. Sie kämpfen vielmehr um ihr Überleben. Sie wollen ihre bisherigen Positionen stabilisieren das war wohl auch Hauptzweck des katholischen "Weltjugendtages".
F: Wieso Stabilisierung der eigenen Position? Ist die erschüttert?
Das ist sie schon seit langem. Die gesellschaftliche Bedeutung der Religion hat sich geändert, die Kirchen haben viele Mitglieder verloren. Heute erleben wir eine stark individualisierte Form von Religion, die Gläubigen suchen sich wie auf einem Markt der religiösen Bedürfnisse das heraus, was sie gebrauchen können. Viele Leute gehen heute in die Kirche, morgen in den Yogakurs und übermorgen in die Selbsterfahrungsgruppe. Diese Menschen werden sich wohl kaum an eine Institution binden wollen.
F: Diesen Widerspruch hat offenbar auch der Papst bemerkt. Er beklagte einerseits die "merkwürdige Gottvergessenheit" in Deutschland, andererseits erkennt er aber einen "Boom des Religiösen".
Der Papst hat durchaus recht. Ich glaube aber, dass die Strategie der katholischen Kirche zum Scheitern verurteilt ist, diesen Widerspruch fruchtbar zu machen. Die religiösen Bedürfnisse der Menschen werden immer stärker kapitalistisch gefärbt die Kirche kann da auf Dauer nicht mithalten. Bestes Beispiel ist der "Weltjugendtag". Diese etwas hilflose Veranstaltung konnte mit den über den Markt vermittelten Angeboten an Freizeit, Tanzkultur, Markenfetischismus etc. nicht konkurrieren.
F: Der Papst beklagte, in Deutschland hätten "Verweltlichung und Entchristianisierung an Boden gewonnen". Wie muss man das verstehen?
Ich glaube, dass in dieser Aussage nicht nur Kritik am Materialismus, sondern auch am Kapitalismus steckt man sollte sie ernst nehmen. Der Papst meint damit nicht zuletzt, dass es keine sozialethischen Verpflichtungen mehr gibt. Wenn man seine Bemerkung noch einmal links durchknetet, kann man durchaus zustimmen. Er liegt aber völlig falsch, wenn er meint, mit den traditionellen Mitteln moralischer Verpflichtung diese Verhältnisse ändern zu können.
F: Klingt "Kapitalismuskritik" im Zusamenhang mit Papst Benedikt XVI. nicht befremdlich?
Ja, aber man sollte nicht die Tradition der katholischen Kirche übersehen. Es gab zwar immer den absoluten Antikommunismus aber auch die Kritik an einem zu liberalen Kapitalismus. Was die Kirche nicht daran hindert, die vom Kapitalismus angebotenen neoliberalen Rezepte knallhart durchzusetzen.
F: Sie gehören der Organisation "ChristInnen für den Sozialismus" an. Was ist das für ein Verein?
"ChristInnen für den Sozialismus" entstand in den 70er Jahren in Chile. Damals wollten viele Christen zeigen, dass sie zugleich auch Unterstützer des aus dem Amt geputschten Präsidenten Salvador Allende sind Sozialisten also. Daraus hat sich eine weltweite Bewegung entwickelt. In Deutschland gibt es vielleicht noch sieben oder acht funktionierende Gruppen, dazu viele Einzelpersonen.
Früher ging es uns u.a. darum, zu zeigen, dass die Kirchen Teil des kapitalistischen Systems waren. Diese Kritik ist meines Erachtens heute überholt, weil die Kirchen an Bedeutung verloren haben. Wir haben aber immer versucht, das sozialrevolutionäre Potential des Christentums auf heutige Verhältnisse zu übertragen. Das bleibt nach wie vor unsere wichtigste Aufgabe.