Die Bewegung der ChristInnen für den Sozialismus (CfS) entstand in Lateinamerika, 1971 in Chile. Dort wollten ChristInnen öffentlich deutlich machen, daß eine behauptete Unvereinbarkeit von Christentum und Sozialismus keine zwingende christliche Position darstellt. Sie ist vielmehr das Ergebnis eines Standpunktes, der am Fortbestand einer kapitalistischen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung interessiert ist.
Seit 1973 versuchen auch ChristInnen in Westeuropa ihre Vorstellungen von Christentum und Sozialismus zusammenzudenken und politisch umzusetzen. Wesentlich inspiriert vom ökumenischen "Arbeitskreis Politisches Nachtgebet" in Köln haben sich in der BRD in rund zwanzig Orten Regionalgruppen gebildet, die sich als Teil der internationalen CfS-Bewegung verstehen. Auch wenn der Ausgangspunkt Lateinamerika auf einen katholischen Entstehungzusammenhang hindeutet, sind die ChristInnen für den Sozialismus eine ökumenische Bewegung, für die eine biblisch inspirierte Spiritualität und die politische Praxis das Entscheidende sind. Wesentlich sind hier vor allem vier Punkte:
Ausgehend von unseren konkreten örtlichen Bedingungen versuchen wir, in den verschiedenen Regionalgruppen (heute gibt es in der BRD noch 10 Regionalgruppen und viele "Mitglieder" und Freunde im gesamten Bundesgebiet) politisch tätig zu werden, aus unserem Glauben zu leben und ihn zu reflektieren. Delegiertenkonferenzen (ca. zwei pro Jahr), thematische Intensivseminare (meist eines pro Jahr) und das für den bundesweiten Zusammenhang tätige Büro befassen sich mit überregionalen Angelegenheiten einschließlich internationaler Kontakte (CfS gibt es heute in mehreren europäischen Ländern: Spanien, Belgien, Dänemark und Schweden).
Viele Regionalgruppen engagieren sich in der Kirche; andere suchen ihr Selbstverständnis jenseits der institutionell verfaßten Kirchen. Alle versuchen, der herrschenden "Theologie von oben", die Ausdruck und Stütze der bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse ist, eine "Theologie von unten" entgegenzusetzen, welche der Befreiung der Armen und Unterdrückten verpflichtet ist.
Hierbei ist die materialistische Bibellektüre ein wichtiges Instrument. Diese will sowohl die Lebens- und Produktionsbedingungen in Palästina zur Zeit der Bibelentstehung als auch eine materialistische Texttheorie zur Deutung biblischer Texte heranziehen, um gerade auch deren subversive Botschaft freizulegen. Wesentliche Impulse kamen von der lateinamerikanischen "Theologie der Befreiung", die in den 60er Jahren aus ihrer parteiischen Praxis heraus begonnen hat, neu bzw. anders Theologie zu betreiben, von Gott zu reden, die Bibel zu lesen und Gottesdienste zu feiern.
Wir arbeiten in der Dritte-Welt-, Antifa-, Asyl-, Friedens-, Ökologie- und Frauenbewegung und in Gewerkschaften und Parteien mit; wir nehmen teil an den Kämpfen der ArbeiterInnenbewegung gegen Sozialabbau und Arbeitsplatzvernichtung und für bessere Arbeitsbedingungen. Wir betrachten es als wichtige Aufgabe, den Zusammenhang all dieser politischen Auseinandersetzungen mit den historischen Kämpfen der sozialen Bewegungen hier und den Befreiungskämpfen in der sogenannten Dritten Welt herauszustellen.
Die weltpolitischen Veränderungen der letzten Jahre haben tiefe Auswirkungen auf die politische Lage. Der bis dahin einzige machtpolitisch relevante Gegenentwurf zum kapitalistischen System ist zusammengebrochen. Auch die Freiheitsbewegungen der Dritten Welt befinden sich in einer tiefen Krise. Doch angesichts der real existierenden sozialen Probleme und der Unfähigkeit des Kapitalismus, die Probleme ohne massenhafte Menschenopfer zu lösen, sehen wir weiterhin die Notwendigkeit, nach einer Alternative zum Kapitalismus zu suchen. Wir denken deshalb, auch weil sich die Geschichte des Sozialismus nicht in die des realen auflöst, daß es durchaus sinnvoll ist, an dem Begriff Sozialismus und den an ihn geknüpften positiven Utopien festzuhalten. Auch wenden wir uns gegen eine pauschale Verurteilung und Beförderung der marxistischen Gesellschaftsanalyse auf den Müllhaufen der Geschichte.
Sozialismus nennen wir die notwendige gesellschaftliche und wirtschaftliche Alternative zu den weltweit totbringenden Mechanismen des kapitalistischen Systems. Unser Festhalten an diesem Begriff ist Ausdruck unserer Opposition gegen die gegenwärtig vorherrschende Resignation und alle Versuche, den Kapitalismus als System ohne Alternative zu propagieren.
Zuletzt überarbeitet: Samstag, 16. August 1997 © CfS 1997