Ein Impulspapier ohne Impulse

von Ton Veerkamp

Beim Erscheinen dieses Artikels ist das Impulspapier der EKD "Kirche der Freiheit - Perspektiven für die evangelische Kirche im 21. Jahrhundert" fast ein Jahr alt. Da uns das Denken, das hinter dem Papier steckt, die kommenden zehn Jahre - und länger - begleiten wird, ist eine gründliche und theologische Auseinandersetzung mit ihm nach wie vor dringend geboten. Die Ziffern zwischen Klammern verweisen auf die Seiten des Impulspapiers.

Chancen und Herausforderungen

"Die christliche Hoffnung macht frei dazu, die positiven Aspekte in unserer Lage angemessen wahrzunehmen" (12). Die positiven Aspekte seien darin zu finden, dass "das Interesse an religiösen Themen ... im gesamten Jahr 2005 höher als in den neunziger Jahren und noch am Beginn dieses Jahrzehnts [lag]." Auch wenn man das glaubt, schlägt sich jene angeblich wachsende Religiosität der Menschen nicht in einer wachsenden Zahl von Kirchenmitgliedern nieder.

Das Papier gibt das zu, wertet aber jene a-kirchliche Religiosität als Chance, "derartige [religiöse] Fragen aufzunehmen" (15). Mit einer Flut von Zahlen machen die Verfasserinnen und Verfasser des Papiers sich Mut: die Lage sei gar nicht so aussichtslos. Das Papier stellt fest: "Respiritualisierung als gesellschaftlicher Megatrend … entsteht auch durch die radikalisierte Globalisierung der Gegenwart" (14 f.) Die "ungewissen persönlichen Lebenssituationen" und fragwürdiger werdende "eingelebte Sinnkonstruktionen" führen die Menschen dazu, "Interesse an religiösen Themen" zu entwickeln.

Die innenkirchliche Lage sei ebenfalls günstig. Aufbruchstimmung sei zu verzeichnen, gelingende Gemeindearbeit, große Zahl von Ehrenamtlichen, missionarische Orientierung, Profilgemeinden, City-Kirchen, Tourismuskirchen u. ä. seien erfolgversprechend.

Grund für die notwendigen Veränderungen sei die düstere Prognose der Mitgliederzahl der Kirchen, die weniger durch Austritte als durch die demographische Entwicklung verursacht sei. Am Ende der Vorhersageperiode - um 2030 - werde die Mitgliederzahl auf 57 % des heutigen Standes (21) zurückgegangen sein. Mitarbeiterschaft, kirchliche Gebäude, Verwaltungsstrukturen forderten angesichts dieser Vorhersage zum Umdenken und Umgestalten auf, "Qualitätsmanagement" sei notwendig (27), Analyse von good practice und bad practice führe dazu, Schwachstellen ausfindig zu machen.

Aber mit entsprechendem Mentalitätswandel "hat der deutsche Protestantismus die Chance neue Zukunft zu gewinnen und dem Evangelium von Gottes Barmherzigkeit in Jesus Christus einen Raum in der Welt des 21. Jahrhunderts zu eröffnen" (29). Der Satz ist sinnleer, wenn die Fragen: "welche Welt" und "welcher Raum" nicht genau beantwortet werden.

Das Papier tröstet sich damit, dass "die innenkirchlichen Konflikte" der 70er und 80er Jahre "weitgehend überwunden sind" (18). Streit über Inhalte ist nicht mehr nötig.

Ausgangspunkte der nötigen Veränderung.

Das Papier rückt die Kategorie "Freiheit" in den Mittelpunkt, und zwar Gestaltungsfreiheit für die Organisation des kirchlichen Lebens: "Mehr Freiheit wagen und gestalten" (34). Zwar hat das Papier gewarnt: "Freiheit ist nicht Beliebigkeit", aber die Freiheit, die hier heraufbeschworen wird, unterscheidet sich nicht viel, fürchte ich, von Unternehmerfreiheit im liberalen Sinne des Wortes.

An der Globalstruktur EKD-Landeskirche-Kirchenkreise will das Papier festhalten, aber ihr Verhältnis zueinander neu bestimmen. Die Last der zu erwartenden Veränderungen wird hauptsächlich den Gemeinden vor Ort zugeschoben. Davon erhofft man sich "Konzentration der Kräfte" und "Profilierung der Inhalte" (39). Die Aufgaben: "Organisation verbessern, Kernkompetenzen definieren, Mission verstärken, Stärken entdecken und definieren, Lernen von wirtschaftlichem Denken" (40-42).

Im Grunde geht es darum, die Kirchenmitgliedschaft zu verstärken. Wir fragen: Was heißt aber biblisch-theologisch Mission? Welches wirtschaftliche Denken soll man lernen? Das Papier kennt nur eine Sorte: die gängigen neoliberalen Theoreme.

Perspektiven der Evangelischen Kirche im Jahr 2030

"In der Reformationszeit vollzog sich eine positive Zuwendung zum Glauben des Einzelnen" (44). Dieser Ausgangspunkt wird nicht in Frage gestellt, erst recht nicht ihr Zusammenhang mit dem bürgerlichen Individualismus. Gerade die Kleinbürgerlichkeit des deutschen Protestantismus stößt die Menschen ab.

Um die Kirche effektiver zu machen, bietet das Papier zwölf Handlungsorientierungen an, zwölf "Leuchtfeuer".

Aufbrüche in den kirchlichen Kernangeboten (Leuchtfeuer 1-3), bei allen kirchlichen Mitarbeitern (4-6), beim kirchlichen Handeln in der Welt (7-9) und bei der kirchlichen Selbstorganisation. Wir können die Vorschläge nicht einzeln kommentieren, vieles ist ohnehin bekannt. Dass kirchliche Mitarbeiter sich fortbilden sollen und müssen, versteht sich z. B. von selbst. Das Papier führt die Kategorie Wettbewerb ein (53) und setzt die Ortsgemeinde unter Druck. Im Jahr 2030 müssten 50 % Ortsgemeinden, 25% Profilgemeinden und 25 % netzwerkorientierte Angebote (etwa Tourismuskirchen) die knapper werdenden Ressourcen untereinander teilen; heute haben wir 80 % Ortsgemeinden, 15 % Profilgemeinden und 5% netzwerkorientierte Gemeinden. Die Ortsgemeinden müssen sich "in erheblichem Umfang umstellen" (57). Gleichzeitig aber müssen die Ortsgemeinden "kirchliche Zentren" bleiben oder werden, Erwachsenenkatechumenat, pädagogische Angebote für Kinder und Jugendliche, anspruchsvolle Kirchenmusik- und andere kulturelle Veranstaltungen neben der religiösen "Grundversorgung" (Gottesdienste, Taufen, Trauungen, Beerdigungen).

Bei gleichzeitiger Reduzierung personeller und finanzieller Ressourcen schlägt 2030 die Stunde für die Ehrenamtlichen (61).

Kirchliche Mitarbeiter sollen sich durch geistige Kompetenzen ausweisen; geschieht dies überdurchschnittlich, könnte das mit überdurchschnittlicher Honorierung (auch finanzieller Art) belohnt werden (65). Die Pfarrer und Pfarrerinnen werden zu "leitenden Geistlichen eines Netzwerkes von Ehrenamtlichen", das den alten Kirchenvorstand ersetzen (68) und so das Mitbestimmungsrecht der Gemeindeglieder abschaffen sollte. Der Pfarrer bzw. die Pfarrerin bastelt sich einen Kreis von ihm/ihr genehmen Ehrenamtlichen, die man ggf. schnell vor die Tür setzen kann, und muss sich nicht länger mit einem gewählten Gemeindekirchenrat herumplagen. "Schlanke Strukturen" von oben nach unten, wie es sich in einem Unternehmen gehört: der Chef bestimmt. Aus dem der Reformation so wichtigen Kirchenvolk als "Königtum von Priestern" (Ex 19,6) wird hier ein Kreis von Ehrenamtlichen ohne Kündigungsschutz.

Pfarrer und Pfarrerinnen sollen auch im Jahr 2030 eine akademische Ausbildung vorweisen müssen, die eine "entsprechende" Bezahlung nach sich zieht. Unter der wahrscheinlich recht optimistischen Schätzung, dass 31,3% der Gesamtbevölkerung Mitglied in der Evangelischen Kirche blieben, könnte "ein Durchschnittswert" im Verhältnis eine Pfarrstelle zu 1600 Kirchenmitglieder erreicht werden. Das ginge nur, "wenn es in anderen Mitarbeiterbereichen zu erheblichen Kürzungen käme" (74). Da die Pfarrer und Pfarrerinnen weiterhin gut bürgerlich alimentiert werden sollen, wird Mitarbeit "ehrenamtlich", sprich: kostenlos.

Kirchliches Handeln in der Welt ist zunächst Werbung für die eigene Sache.

Das Papier geht davon aus, dass im Jahr 2030 "90 % aller Kinder eines Jahrgangs … im Laufe ihrer ersten sechs Lebensjahre mit biblischen Geschichten und christlichen Symbolen, mit christlichen Festen und kirchlichen Traditionen sowie ihren modernen Vermittlungsformen in Berührung kommen" (80). Eiserne Ration des protestantischen Wissens sollen 12 Bibelstellen, 12 Gebete und 12 Lieder sein (79).

Die Frage: "Um was geht es eigentlich in der Schrift beider Testamente?" können die Verfasserinnen und Verfasser dieses Papiers wohl nicht beantworten, zu urteilen nach der Manier, in der sie Bibelstellchen auf ihren Text streuen.

Das Papier geht aber ohne den geringsten Zweifel davon aus, dass wir im Jahr 2030 wie heute in einem christlichen Land leben. Diese Grundvoraussetzung des ganzen Papiers ist aber zu hinterfragen, und diese Frage hätte eigentlich der Ausgangspunkt des Papiers sein müssen.

Das schon recht bescheidene intellektuelle Niveau bleibt ab "Leuchtfeuer 9" vollends auf der Strecke.

Bei ihrem Wirken in die Welt hinein solle die Kirche Profil zeigen, als "Außenwahrnehmung die evangelische Skyline" anbieten (86), Berliner Dom, Dresdner Frauenkirche, Hamburger Michel und Wartburg, Lutherbibel, Bach und Brahms: deutscher Protestantismus!

Aktionsvorschläge bleiben geradezu in grotesker Weise unter minimalen intellektuellen Ansprüchen ("ein Wettbewerb um die fünfzig überzeugendsten Missionsideen" u. ä. m. 87).

Nirgendwo ein Ansatz von Weltkritik, nirgendwo der Ansatz einer Vision einer menschenwürdigen Gesellschaft beim "Aufbruch kirchlichen Handels in der Welt".

Stattdessen bleibt bei der kirchlichen Selbstorganisation alles beim Alten, nur die Zahl der Landeskirchen solle reduziert werden in Anlehnung an die größeren Bundesländer (95). Die neuen Landeskirchen sollen gemeinsame Dienstleistungszentren einrichten für Organisationsberatung und Management, für Steuern und Kirchensteuern, Fundraising und Stiftungswesen und ein Koordinationszentrum für Meldewesen und Statistik: mehr Zentralbürokratie braucht die Kirche!

Daneben sollen zehn Kompetenzzentren eingerichtet werden, verbunden mit zentralen Kirchen (Berlin/Politik, Dresden/Frieden, Leipzig/Kirchenmusik usw.). Was sich die Kirche vor Ort davon versprechen kann, bleibt ungeklärt.

Die Äußerungen führender Geistlicher beider Konfessionen in der jüngsten Vergangenheit lassen vermuten, dass unter "Politikkompetenz" allenfalls vorsichtige Appelle zur Mäßigung der vermögenden und deutliche Mahnungen zum Verzicht bei den unteren Schichten zu verstehen sind.

Kritik

Fazit

Viele Theologinnen und Theologen, aber auch "Laien", stoßen sich an der betriebswirtschaftlichen Diktion des Papiers.

Das Kokettieren mit betriebswirtschaftlichem Halbwissen ist indessen ein Symptom der Anpassung der Kirche an die neoliberale Welt.

Martin Luther war ein zutiefst konservativer Mensch. Er hat die Papstkirche bekämpft, weil sie sich ganz dem Trend der Moderne, der entstehenden Hegemonie der Ware-Geld-Beziehungen, angepasst hatte. Ihre Praxis bestand im Feilbieten religiöser Dienstleistungen (etwa Sündenvergebung) gegen ein Entgelt. Luther hat diese Entwicklung vehement bekämpft. Er wollte keine neue Kirche, sondern eine Kirche, die sich auf ihre biblischen Grundlagen rückbesinnt. Gerade dieser Konservatismus der Reformation hat wirklich Neues in Gang gesetzt.

Heute ist der Kampf gegen das angepasste "Unternehmen Kirche" das Vermächtnis, das Martin Luther uns hinterlassen hat. Luther war einer der Väter der Kirche in Deutschland, so weit sie wirklich evangelisch sein will. Er hat es nicht verdient, Aushängeschild eines der Welt angepassten deutschen Protestantismus zu sein.

Nein, bei solchen "Leuchtfeuern" aus Hannover handelt es sich wohl eher um "Irrlichter".