Nachruf auf Jerry Pöter

Jerry vor der endgültigen Umsiedlung nach Mittelamerika

Als ich Jerry, wie er allgemein nur genannt wurde, 1979 im Zusammenhang der Bewegung „Christen für den Sozialismus“ kennenlernte, lebte er in einer „Dominikaner WG“ in Göttingen. Er repräsentierte für uns Neulinge in der Bewegung die andere Kirche, die Kirche von unten, mit klaren Positionen, die darauf hinausliefen, auf ungerechte Strukturen mit allen sozialen, politischen und wirtschaftlichen Verwerfungen sowohl in der BRD als auch weltweit zu verweisen, sie als Sünde anzuklagen und auf ihre Überwindung hinzuarbeiten. In den 80er Jahren gingen diese Analysen und Ambitionen, diese Kapitalismuskritik mit befreiungstheologischer Reflexion Hand in Hand. Jerry wurde nie müde, in aller Konsequenz an der Option für die Armen als wahrhaftes christliches Zeugnis festzuhalten. Wenn ihm unsere Analysen zu theoretisch erschienen, die materialistische Bibellektüre zu abgehoben, unsere politischen Aktionen zahnlos, weil am Grundübel vorbei geplant, ging er in die Auseinandersetzung und repräsentierte mit seinem konsequenten Lebensentwurf schon damals Glaubwürdigkeit und Authentizität. Was ihn außerdem auszeichnete, war seine radikale „Basisorientierung“. Die neue Gesellschaft und der neue Mensch kann nur in einer ernstgemeinten partizipativen Struktur Wirklichkeit werden.

Einen ersten Ausdruck fand dieses Anliegen in der Auseinandersetzung um Publik Forum, deren Neuaufstellung Ende der 70er Jahre ihm widerstrebte, weil sie angeblich Basisorientierung hinter sich ließ. Mit Sicherheit hat er sich in diesem Konflikt keine Freunde gemacht, aber er hielt an seinen Überzeugungen fest. Im Kontext des Aufstiegs ökologischer Bewegungen und der grünen Partei in den den 80ern ließ er keinen Zweifel daran, dass individuelle Problemlösungen kapitalistischer Verwertung für ihn sinnlos und kontraproduktiv sind. Die zu diesem Zeitpunkt in Göttingen herausgebrachte Zeitschrift der Christen für den Sozialismus, die „Korrespondenz“ mit dem Titel „Lieber aktiv als alternativ“ war jahrelang ein Bestseller und für ihn Programm.

Sein Lebensentwurf war eng verknüpft mit revolutionären Bewegungen in Mittelamerika, in Nicaragua und El Salvador. Der Sieg der Revolution 1979 in Nicaragua gegen die Diktatur Somozas war stark geprägt von befreiungstheologischen Reflexionen und ihrer Verankerung in Basisgemeinden, die in der gesellschaftlichen Umgestaltung dieses kleinen Landes praktisch wurden. Zum ersten Mal erlebten wir als Christen und Christinnen, dass unsere Kirche sich auf die Seite der Armen stellte und konsequent politische Einmischung nicht scheute. Dies als Revolutionsromantik oder Projektionsgetue linker Christen heute abzutun, geht an der realen Kraft und Spiritualität dieser Bewegung vorbei. Die Niederschlagung dieser Revolution durch die USA, indem sie ganz Mittelamerika mit Krieg überzog und die Gesellschaften bis heute in ihren Grundlagen zerstörte, beschäftige Jerry existentiell.

Wie kann man hier in der BRD wirksam politisch das Richtige tun, während an diesem Ort ein ungerechter Krieg gegen die Armen

Jerry auf einem unserer Intensivseminare

tobte? 1989 entschied er sich dann, für immer nach El Salvador zu gehen. Nachdem ihm als persona non grata auf der Rückkehr von einem Flüchtlingscamp in Honduras die Einreise verwehrt wurde, blieb er in Honduras und baute solidarische Strukturen im Flüchtlingscamp Mesa Grande auf, wo tausende von Kriegsflüchtlingen aus El Salvador Schutz suchten. In einem Gespräch 2010, als wir ihn in der „Gemeinde 22. Abril“ in Soyapango/San Salvador, deren Gründungsgeschichte in Mesa Grande begann, besuchten, sagte Jerry, dass diese Zeit trotz aller Schwierigkeiten, die damit verbunden waren, die beste Zeit seines Lebens gewesen sei. Später dann gründete er in Soyapango, die „22. Abril“, einen Ort, in dem Rückkehrer aus den Lagern neue Heimat finden sollten, ein Ort, wo solidarisch gelebt werden sollte. Besonders lag Jerry die Zukunft der Kinder, der benachteiligten Kinder am Herzen, dem die Gründung eines Kindergartens, einer Schule unter freiem Himmel oder auch einer Finca gerecht werden sollten.

Schule unter freiem Himmel

Er scheute sich nicht die Frage der Gewalt anzusprechen: dürfen sich Christen und Christinnen am Guerillakampf beteiligen? Eine „Korrespondenz“ der CfS zu El Salvador widmete sich ausdrücklich diesem Thema. Der Besuch von Salvadoreniern aus den Basisgemeinden, die bei uns Zeugnis ihres Kampfes, aber auch ihres Leidens durch Folter und Repression ablegten, brachte uns die Realität der Menschen auf der anderen Seite des Globus ins Haus und zwang uns in die Auseinandersetzung. Seine regelmäßigen Besuche in der BRD bei Treffen der CfS, der Unterstützerkreis für die „22. Abril“, zahlreiche Gegenbesuche und Öffentlichkeitsarbeit ließen Padre Gerardo, für uns nach wie vor „Jerry“, zu einer Institution werden. In den letzten Jahren zog er sich immer weiter aus der Verantwortung in der Gemeinde zurück, um seine Nachfolge rechtzeitig vorzubereiten. Er konnte nicht verhindern, dass die Maras in El Slavador letztlich jeden Ansatz von Gemeinwesenaufbau auch in der „22. abril“ torpedieren, gab dennoch nie die Hoffnung auf, und glaubte fest an die Zukunft eines neuen Menschen und einer neuen Erde. Am 28 August 2019 verstarb Jerry nach langer Krankheit. Am 4. September wäre er 80 Jahre alt geworden. Mit Liebe und tiefer Hochachtung werden wir ihm gedenken.

Jerry presente!

Barbara Imholz

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