Im Institut für Theologie und Politik ist unter dem Titel „Manifest für einen egalitären Universalismus als Alternative zur kapitalistischen Globalisierung“ ein kleines Buch des französischen Kollektivs Anastasis (Aufertehung/ Aufstand) erschienen. Es ist zum Preis von 16,80 bei kontakt@itpol.de erhältlich.
Aus dem traditionalistischen, laizistischen1 Katholizismus kommt dieses Manifest als befreiungstheologische Intervention: „In einem Frankreich, in dem sich nur noch 46 Prozent der Bevölkerung als Katholiken bezeichnen, widerstehen drei Millionen Erwachsene dem Säkularisierungstrend, indem sie mindestens monatlich die Messe besuchen – das entspricht 5,5 Prozent der Bevölkerung. Diese „regelmäßigen Praktiker“ bilden dabei einen „harten Kern“, der sich gegenseitig stärkt, während andere einen kulturellen „Überrest“ darstellen, der sich allmählich auflöst. Frankreich hat ca. 67 Millionen EinwohnerInnen, 31% geben an, keiner Religion anzugehören, ca. 10% Muslime und 3% Protestanten, 1% Juden. Der Anthropologe Emmanuel Todd spricht von einem „Zombie-Katholizismus“, der zwar noch strukturkonservative Codes bewahrt, sich aber bereits von der Religion abgelöst hat.“ 2
Es ist also die Gen Z (1995-2010) vor allem auch aus dem urbanen Milieu, die sich dem Katholizismus wieder zuwendet und zunächst dem traditionalistischen Katholizismus ein revival verschafft. Das also ist die Geschichte und das Milieu der Enstehung des Kollektivs Anastasis, das nun aber eine ganz andere Richtung einschlägt, andererseits auch im Katholizismus selbst durchaus als „erfolgreich“ gelten kann. Ihre Aktionen erregen darüber hinaus öffentliches Interesse, ihre jährlichen Festivals ziehen hunderte von vornehmlich jüngeren Menschen an. So gründeten sie das
- „Festival des poussières“3 im Jahr 20234
- nahmen an der ökumenischen Versammlung gegen die extreme Rechte „Justice et Espérance”5 am 23. Juni 20246 teil
- Im Jahr 2023 war der Gründonnerstag ein Tag der Mobilisierung gegen die Rentenreform. An diesem Tag beschlossen sie als TeilnehmerInnen dieser sozialen Bewegung, an einer Bushaltestelle in Paris, wo der Demonstrationszug vorbeikam, „den DemonstrantInnen die Schuhe zu putzen, wie Christus seinen Jüngern die Füße gewaschen hat.“7 Hunderte DemonstrantInnen blieben neugierig stehen. Sie reinigten ihre Turnschuhe, die durch viele Demonstrationen abgenutzt waren, und konnten sich bei einer Tasse Tee oder Kaffee mehr oder weniger lange unterhalten.
- Im Dezember 2025 nahmen mehrere Mitglieder von Anastasis an einer zehntägigen „Pilgerreise des Widerstands und der Solidarität“ nach Palästina-Israel teil, die von den Franziskanern aus Frankreich und Belgien organisiert worden war.
- Anastasis will offer a monthly podcast in order to share the fruits of these reflections
and debates on current events. - BEWEGUNG „BLOQUONS TOUT“ AM 10. SEPTEMBER 2025. Wir unterstützen die Bewegung und werden uns ihr anschließen.
Das Kollektiv Anastasis wendet sich von der traditionalistischen, konservativen Interpretation des Katholizismus ab und interpretiert ihn – ganz befreiungstheologisch – als die Aufforderung zu einer revolutionären, kapitalismuskritischen Praxis.
Aus dem Manfest:
Zum Selbstverständnis
- In diesem Text vertritt unser Kollektiv Anastasis – ein griechisches Wort, das sowohl Auferstehung als auch Aufstand bedeutet – eine einfache Idee: Der christliche Glaube kann nicht, ohne sich selbst zu verraten, als Rechtfertigung für ungerechte politische Projekte dienen, weder dem Rassismus und der Ausgrenzung, noch der Verstärkung sozioökonomischer Ungleichheiten und der Zerstörung der Natur oder beides zugleich.
- Das Reich Gottes, ein wiederkehrendes Motiv in den Evangelien, hat nichts mit einer Theokratie zu tun: Es ist der immer fragile Anbruch von Gemeinschaft. Letztere bezeichnet eine Beziehung zu Gott – die aus dem Gebet und den Traditionen des kirchlichen Lebens schöpft –, in der sich Gott als Liebe anbietet. Diese verwandelnde Beziehung, die in freier Selbstentäußerung zustande kommt, lässt die unveräußerliche Würde jedes Menschen erkennen. Sie macht bereit, sein Glück in der Selbsthingabe zu finden und vermittelt den Wunsch, für eine gerechte Gesellschaft zu kämpfen. Weit davon entfernt, Individualitäten einzuebnen, ermöglicht die Gemeinschaft ihre volle Entfaltung in Beziehungen des Vertrauens und gegenseitiger Fürsorge.
- Es gibt keine Alternative: Der christliche Glaube wird auf der Seite der Revolution der Liebe und Gerechtigkeit stehen oder er wird nicht sein. Eine solche Behauptung mag in den Ohren einiger Menschen wie idealistisches Träumen klingen. Diesen Menschen antworten wir, dass es Christus selbst ist, der uns unablässig zur Gerechtigkeit und Liebe aufruft, das heißt dass es keine Erfindung ist, wenn wir behaupten, dass der Glaube uns dazu veranlasst. Jesus nimmt niemals die Sünde der Menschen zum Vorwand, um uns einen Mittelweg zu empfehlen. Im Gegenteil, er bietet uns den Glauben als eine Tugend an, die es zu pflegen gilt und aus der der Wunsch nach universeller Gemeinschaft entsteht.
Die Welt, in der wir leben
- Der Supermarkt ist ein paradigmatisches soziales Experiment im Westen. Die Welt präsentiert sich dort als eine Anhäufung von Waren, über die man fast nichts weiß und die man kauft, je nach dem wieviel Geld man hat. Diese Waren entsprechen einer anonymen Arbeit: Der KI-gesteuerte Zeitarbeiter in einem Amazon-Lager ebenso wie der Ingenieur von Total, der klar definierten Prozessen folgt, sind der Möglichkeit beraubt, durch ihre Arbeit für die Welt zu sorgen. Unsere Ikea-Möbel und unser in Plastik eingeschweißtes Gemüse tragen keine Spuren mehr von den Arbeiterinnen und Arbeitern, den natürlichen Lebensräumen und den sozialen Kontexten, die sie hergestellt haben. Diese gespenstische Realität erscheint uns so natürlich wie der Regen, der vom Himmel fällt. Doch diese Beziehung zur Welt ist keineswegs selbstverständlich, sondern im historischen Vergleich spektakulär neu. Sie entsteht mit dem Triumph des Kapitalismus.
- Manche betrachten diese Gesellschaftsordnung als zwangsläufige Konsequenz menschlichen Seins. Den Kapitalismus jedoch als unvermeidlich darzustellen, bedeutet, die Geschichte aus der Sicht der Sieger zu erzählen. Der Kapitalismus dominiert in erster Linie, weil er mit Gewalt durchgesetzt wurde, und das erst vor relativ kurzer Zeit. Er entstand aufgrund einer dreifachen Konjunktur: dem Aufkommen einer Wirtschaftswissenschaft (Regierung durch Berechnung); dem Sklavensystem und der Intensivierung der europäischen Kolonialisierung auf allen Kontinenten (Beherrschung des Landes und der Völker des Südens); der Industrialisierung Westeuropas, beschleunigt durch die Verbreitung der Dampfmaschine und den Kohleabbau (technische Macht). Die katholische Amtskirche hat diese historische Entwicklung des Kapitalismus eher begleitet als kritisiert und insbesondere ethnozentrische Vorurteile gegenüber den kolonialisierten Völkern geschürt.
- Der christliche Glaube zielt auf die Verwirklichung von Gerechtigkeit und Liebe ab und kann sich mit einer entwürdigenden Auffassung von Arbeit nicht abfinden. Heutzutage gibt es nur noch wenige Bereiche, in denen Arbeit als eine gemeinschaftliche Tätigkeit erscheint, deren Ziel es ist, das Schöpfungswerk Gottes zu pflegen und fortzusetzen. Der Kapitalismus zwingt die ArbeiterInnen, ihm zu dienen, und entledigt sich ihrer, wenn er sie für unzulänglich hält.
- Die mittlerweile hegemoniale Stellung der Ökonomie macht uns zu SklavInnen und gleichzeitig GötzendienerInnen.8 Ist es daher nicht logisch, dass immer mehr von uns von dem Gefühl zermürbt werden, dass unsere berufliche Tätigkeit nutzlos oder sogar schädlich ist? Je mehr sich die Staaten auf den Wettlauf um künstliche Intelligenz stürzen und nacheinander ihre Klimaschutzverpflichtungen aufgeben, desto weniger wagen wir es, die Idee einer gerechteren Welt ernst zu nehmen. Zynismus setzt sich als natürliche Moral des Kapitalismus und Katastrophismus als seine Eschatologie durch.9
- Abschließend ist wichtig zu betonen, dass der Kapitalismus die liberale Anthropologie zu seinem Vorteil nutzt, die dazu neigt, eine Entscheidung eher als individuellen Akt denn als sozial hervorgebrachte und moralisch vollendete Handlung zu betrachten: Eine rein solidarische und neutrale Handlung gibt es nicht. Wir schließen uns daher nicht dem Sprichwort an, dass die Freiheit des einen dort endet, wo die des anderen beginnt und distanzieren uns in dieser Frage von einer in unserer Gesellschaft, selbst im linken politischen Spektrum, tief verwurzelten Tendenz. Für uns beginnt Freiheit im Gegenteil dort, wo sie auf die Freiheit anderer trifft. Auch wenn wir die Idee des unveräußerlichen und heiligen Wertes des persönlichen Gewissens teilen, sind wir der Meinung, dass Freiheit im Hinblick auf ihre Bedingungen und Ziele hinterfragt werden muss.
Die Faschisierung der Gesellschaft
- Verherrlichung der Größe einer homogenen kollektiven Identität, Entwicklung eines simplifizierten Neusprechs10, Autoritätshörigkeit, Angst vor Unterschieden, Maskulinismus, Sündenbockdenken, Angst vor Umkehr aufgrund stolzer Selbstliebe, Wunsch nach sichtbarer Ordnung und nach Kräften, die diese Ordnung durchsetzen, Hass auf die Moderne: Die Kennzeichen des Faschismus11 breiten sich erneut im Westen aus, der offenbar keineswegs immun dagegen ist.
- Überall auf dem alten Kontinent ist der Damm zwischen den konservativen Parteien (von denen einige historisch mit der Christdemokratie verbunden sind) und der extremen Rechten bereits gebrochen. In Frankreich werden die Berührungspunkte zwischen dem Rassemblement National (RN) und Les Républicains (LR) immer offensichtlicher.
- Die Faschisierung einer Person oder einer Gesellschaft geht mit einem wachsenden Ekel einher. Am rechten Rand des politischen Spektrums manifestiert sich die Faschisierung als Ekel gegenüber MigrantInnen, Angehörigen ethnischer Minderheiten oder Queers und als Verachtung gegenüber allen, die nicht dieselbe Abscheu zeigen, angefangen bei den „Linken“. Dieser Ekel versucht, sich auf Argumente zu stützen, um sich zu rechtfertigen
- Der Faschismus entspringt wie der Kapitalismus einer Leidenschaft für das Eigene: So wie der Kapitalismus auf der Sakralisierung des Privateigentums basiert, sakralisiert der Faschismus das dem Volk Eigene, d.h. seine „Identität“.
Universalismus und Kosmopolitismus von Unten
- Der Glaube kennt keine Grenzen: Er steht allen offen und ersetzt die Beziehungen der Spaltung und der politisch-wirtschaftlichen Herrschaft durch Beziehungen der Gemeinschaft, die von den Mächtigen errichtete Trennlinien überwinden. Der Glaube verkündet also nicht nur, dass Christus der Erlöser ist, sondern er lässt uns am befreienden Wirken Gottes teilhaben, das ein gutes Leben für alle fordert.12
- die Praxis eines Kosmopolitismus „von unten“, durch konkrete lokale Kämpfe und deren Verknüpfung mit universellen Forderungen und Solidaritäten. Diese Verknüpfung kann sich an der Erfahrung der ZapatistInnen in Chiapas orientieren, wo die Verteidigung der einzigartigen Kultur und der Autonomie des Volkes nur „im Hinblick auf einen globalen Kampf gegen den Kapitalismus, dessen Ziel die Emanzipation aller BewohnerInnen der Erde ist“, sinnvoll ist.13 Die ZapatistInnen fördern einen „Universalismus der Vielfalt“, der offen ist für alle Lebensformen, die die Zukunft der Menschheit und der Ökosysteme nicht gefährden. Dies thematisieren sie in zahlreichen internationalen Begegnungen. Daher kommt auch ihr bekanntes Motto, mit dem sie ihr Ideal beschreiben: „un mundo donde quepan muchos mundos – eine Welt, in der viele Welten Platz haben“. Diese kollektive Reflexion ist fragmentarisch und lückenhaft. Sie erfordert eine Fortsetzung. Wir wollen unser Netz vergrößern und Menschen oder Gruppen treffen, die für unsere Auseinandersetzung empfänglich sind und gemeinsame Überlegungen und Aktionen weiterführen und bereichern möchten: Initiativen, Gemeindegruppen, Kollektive, religiöse Gemeinschaften (muslimische, jüdische etc.).
1Seit 1905 gilt in Frankreich das Laizitäts-Gesetz. Es regelt das Verhältnis zwischen Staat und Religion, indem es beide Bereiche streng trennt. Heute wirft es neue Fragen auf: Kaum ein Thema wurde in Frankreich in den vergangenen Jahren so heftig diskutiert wie Burka- und Kopftuchverbote oder das Angebot von Halal-Fleisch in Schulkantinen. (https://www.bpb.de/themen/europa/frankreich/152521/das-ideal-einer-neutralen-oeffentlichkeit-die-trennung-zwischen-staat-und-religion-in-frankreich/)
2Simon Kajan, https://www.herder.de/communio/gesellschaft/der-franzoesische-katholizismus-formiert-sich-neu-das-ende-der-saekularen-gewissheiten/
3Festival der Staubkörner, A.d.Ü.
4„Nous voulons construire une théologie politique émancipatrice“: qui sont les nouveaux chrétiens de gauche?, www.lavie.fr, 26. September 2024.
5Gerechtigkeit und Hoffnung, A.d.Ü.
6À Paris, des chrétiens mobilisés contre l’extrême droite: „L’Évangile est mon critère de discernement po-litique.“, www.lemonde.fr, 24. Juni 2024.
7„Cirer les pompes des travailleuses et travailleurs“, www.collectif-anastasis.org, 6. April 2023.
8Vgl. William Cavanaugh: „Dieu dans les choses et les personnes: le fétichisme de la marchandise et l’Eucharistie“, 2024, übersetzter Artikel verfügbar auf der Website des Kollektivs Anastasis, www.collectif-anastasis.org.
9Die Eschatologie ist ein Bereich des Denkens, der sich mit der Frage vom Ende der Zeit befasst.
10A.d.Ü.: Neusprech (englisch Newspeak) heißt die sprachpolitisch umgestaltete Sprache in George Orwells dystopischem Roman 1984. Durch Sprachplanung sollen sprachliche Ausdrucksmöglichkeiten beschränkt und damit die Freiheit des Denkens aufgehoben werden.
11Der Philosoph Umberto Eco bezeichnet all diese Merkmale als „Urfaschismus“, d.h. als ideologisch schwachen Ursprung des Faschismus, auf dessen Grundlage sich je nach geografischem und zeitlichem Kontext verschiedene Formen des Faschismus entwickeln. Vgl. Umberto Eco: Reconnaître le fascisme, Paris 2017. Siehe auch die Arbeiten des Historikers Johann Chapoutot, insbesondere: Ders.: Comprendre le nazisme, Paris 2020. Oder: Ders.: Les irresponsables: qui a porté Hitler au pouvoir?, Paris 2025.
12Mt 25,35-36: „Denn ich war hungrig, und ihr habt mir zu essen gegeben; ich war durstig, und ihr habt mir zu trinken gegeben; ich war fremd, und ihr habt mich aufgenommen; ich war nackt, und ihr habt mir Kleidung gegeben; ich war krank, und ihr habt mich besucht; ich war im Gefängnis, und ihr seid zu mir gekommen!“
13Jérôme Baschet: „La rébellion zapatiste et l’internationalisme du XXIe siècle: luttes planétaires et pluralité des mondes“, https://www.causecommune-larevue.fr/, 2022.
