Weil nicht sein kann, was nicht sein darf: Prophet*innen in den Kirchen und in den Medien.

Denn sie wissen nicht, was sie … reden: Das ZDF bringt eine vorsichtig würdigende Doku zu Marx und nennt sie »Karl Marx – Der deutsche Prophet« (zdf.de/…/karl-marx—der-deutsche-prophet-100.html). Die Doku lässt eine Marx-Tochter einem Marx-Enkel erklären, was ein Prophet ist: Jemand, der klug genug ist, die Zukunft vorherzusehen. Und wahrscheinlich soll der Titel auch an das Attribut »falscher Prophet« für Marx erinnern. (Ein Beispiel unter vielen: radiobremen.de/…/soziopod202.html)

Nun, eben nicht. Eine Prophet*in ist eine Kritiker*in, politische Analyst*in, Visionär*in, ja, aber nicht automatisch und in der Hauptsache eine Seher*in.

Unser um unsere Seelen so bemühtes Mainstream-Christentum hätte gern, dass es ein lebenswertes Leben erst nach dem Tode gibt, und auch nur, wenn wir brav ein Leben lang unseren Verstand und unsere Würde vergewaltigt und Absolution für absurde »Sünden« wie Lügen oder Nicht-Bio-Fleisch-Kaufen von einer höheren Macht erhalten haben. Und so gern, wie sich die etablierten abendländischen Religionsinstitute mit der fernen, apokalyptischen und am besten jenseitigen Zukunft beschäftigen, so sehr kommt ihnen der Gedanke absurd vor, Propheten könnten sich mit ihrer gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Gegenwart und der unmittelbaren Zukunft z.B. ihrer Kinder beschäftigen. Kirchen, ihre Lehre und ihre Öffentlichkeitsarbeit, und davon gespeist der vorgeblich agnostische krisenkapitalistische Öffentlichkeitsmeinungsbrei bleibt bei dieser oberflächlichen Darstellung, als hätte es nie eine theologische Entwicklung gegeben, keine historische Kritik, keine materialistisch-sozialgeschichtliche Lektüre der Bibel, keine Diskussionen. Als hätten wir die Große Erzählung von der Gesellschaft der Freien und Gleichen im Ersten Testament nie wiederentdeckt.

»Ja, aber es gibt doch immer wieder Leute, die sich für echte Solidarität, für den würdevollen Umgang mit Abhängigen und Unterstützungsbedürftigen, für wirtschaftliche und politische Alternativen, für Bildung und Aufklärung, für die Parteilichkeit mit den Benachteiligten und Beleidigten, für die Emanzipation aller Lebewesen (nicht: aller Christ*innen, aller Männer, aller Frauen, aller Muslime, aller Menschen, aller Weißen, aller …) engagieren, auch in der Kirche.« – Ich weiß, und ich will das auch gar nicht übergehen und kleinreden, ich habe großen Respekt davor. Ob das nun aus einer sachgerechteren Lektüre der Bibel und einem Brennen für gesellschaftliche Alternativen heraus passiert, oder aus einer stärker empfundenen individualmoralischen Verantwortung eines wertkonservativen Christen heraus, das ist sicher unterschiedlich. Aber ich rede ja hier vom Umgang der Institutionen mit diesen Ketzer*innen, ihrem Verhalten als Unternehmer gegenüber ihren Lohnabhängigen, von der organisationsinternen Diskussions- und Entscheidungskultur und von der medialen Rezeption »des Christentums / des Islam / der jüdischen Religion …« und »der Kirchen«. Die kirchlichen Institutionen verwalten eben nicht nur Liegenschaften, sondern auch die Wahrheit, und in den Medien spielen Prophet*innen und sich reinhängende Ehrenamtliche allenfalls eine Rolle als Exoten. Das mag ihrer Bedeutung entsprechen, doch es sorgt auch wie ein Transmissionsriemen dafür, dass sie bedeutungslos bleiben.

Das letztjährige Jubiläum, das der Reformation, wird zum Luther-Jubeljahr. Die Stoßrichtung ist die gleiche wie bei der medialen Unkenntlichmachung von Marx: Früher hat man Müntzer getötet. Heute schweigt man ihn und andere Abweichungen von der gutbürgerlichen Kost tot, bestenfalls diffamiert man sie.

Mit biblischen Prophet*innen, auf die die biblischen Religionsanstalten sich ja berufen, kann man das nicht so einfach machen, die muss man anders entschärfen. Das moderne Rezept dafür ist ein uraltes: Die Betonung immer auf das Staatstragende legen, den Rest weichspülen und »Schuld« nicht mehr als gesellschaftliche Kategorie, sondern als persönliche, moralische kommunizieren. Die Darstellung dieses alten Prinzips zieht sich durch die Bibel, und auch die ideologische Entwicklung des Christentums dahin beginnt schon im Zweiten Testament und zeigt sich in der Redaktion und Rezeption des Ersten Testaments durch das Zweite.

Auf die eine oder andere Art wird die biblische Prophetie jeden Tag neu getötet, am effektivsten von den sich auf sie berufenden Anhängern.

Euer Lavieren ist geschickt, aber seid gewarnt: Es gibt immer noch Leute, die nicht alles glauben, sondern nachfragen, nachlesen, mediale Verbiegungen und falsche Prophetie aufdecken.

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